Der Lösungsraum-Blog

Update oder Persönlichkeitsnostalgie?

Persönlichkeits-Coaching

Über die Mindesthaltbarkeit von Gedanken:

Angeregt durch diesen Artikel im der Spektrum, einige eigene Notizen zum Thema Erinnerungen und Wirklichkeiten. Der Beitrag beschreibt anschaulich das Phänomen, dass die Verfügbarkeit eines sprachlichen Begriffs die Gedanken darum prägt. Was wir benennen können, können wir begreifen – vereinfacht gesagt. In der Form, wie wir diesen Begriff gedanklich besetzen.

Im Unterschied zu Gefühlen sind Gedanken konkreter. Sie unterscheiden sich u.a. darin, als dass ein Gefühl schwerer in Worte zu fassen ist und stärker durch die Interpretation eigener Erfahrungen geprägt ist als ein Gedanke. Es ist leichter einen gemeinsamen Gedanken zu haben als ein gemeinsames Gefühl. Hier reichen viele Worte oft nicht aus, es angemessen zu beschreiben. Und: Gedanken sind überwiegend vorwärts oder in die Vergangenheit ausgerichtet.

Gefühle können wir schlecht für die Zukunft haben. Allenfalls können wir eine Hypothese zu unserem emotionalen Befinden in einem unendlichen Zeitraum nach vorne aufstellen – aber das sind Gedanken über Gefühle und nicht das Gefühl selbst. Auch Erinnerungen an Erlebnisse in der in der Vergangenheit, die starke Emotionen ausgelöst haben, sind nicht die Gefühle selbst. Die Gedanken daran sind in der Lage, jetzt Gefühle zu erzeugen. Es ist also nicht das genau gleiche Gefühl von damals, sondern unsere heutige Beschreibung oder die Erinnerung daran. Wie als wenn wir auf einen Globus schauen. Dann sehen wir nicht die Welt, sondern ein Abbild davon.

Der Arm der Vergangenheit in die Gegenwart

Je häufiger wir uns schwere Gedanken über Vergangenes machen, ohne einen Punkt dahinter zu setzen oder ihn setzen zu können, desto eher „hängen“ wir in diesen Gedanken fest. Der Arm reicht bis in die Gegenwart. Wir erzählen uns selbst oder lassen uns von anderen immer wieder dieselbe Geschichte erzählen, die nicht gut tun. Und die Wahlmöglichkeit, ob wir diese Story überhaupt hören oder in dieser Fassung hören wollen, scheint weit entfernt. Welchen Wert hat diese Episode aus meiner Biografie, wenn sie weder heute oder künftig nutzt?

Kaum jemand erinnert sich wirklich an seine (frühe) Kindheit – mit der Ausnahme von wirklich bedrohlichen Erlebnissen. Es sind eher die Erzählungen unserer Eltern oder Geschwister und Fotos von früher, die uns helfen die Erinnerung vor dem Verblassen zu bewahren. In vielen Fällen ist es uns angenehm zu wissen, dass es Momente des Spielens, der Leichtigkeit und der Neugier gab in unserem Leben. Diese Erinnerungen helfen uns heute, zeitweilig diese Gefühle wieder wahrzunehmen. Sie vermitteln uns einen Zugang dazu, was uns Freude macht oder machen könnte. Das ist das Schöne an Erzählungen aus der Vergangenheit. Jedoch sollten wir wohlwollend prüfen, ob und in welchem Umfang wir alten Geschichten über uns Glauben schenken und als „wahr“ annehmen möchten, die uns eher hindern, z.B. indem sie uns bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Sie entspringen der Wahrnehmung anderer über uns und unterliegen gewisser Verzerrungen, auch eigener. Es ist ein altes Bild und nicht die Wahrheit über uns.

Problemtrance durch Wiederholung

Hinderlich hängen uns auch eigene Geschichten über uns selbst an, die unsere Denken und Handeln einengen. Und je häufiger wir diese Geschichten hören oder uns selbst erzählen, desto eher akzeptieren wir sie als wirklich. Wir betreiben aktive Problemtrance, unbewusst. Ein sicheres Zeichen, dass jemand diese Disziplin gut beherrscht, sind Argumentationen und Erklärungen, die etwa so klingen: „Das war schon immer so, warum soll das auf einmal klappen, ich keine andere Möglichkeit, im letzten Job war ich auch schon…“ usw. Das ist eine von mehreren Lösungen auf der Suche nach Sicherheit und Stabilität im alten Vertrauten, sei sie noch so wenig zielführend.

Selbst wenn die Geschichte in der Vergangenheit gestimmt hätte – wer kann das jedoch hundertprozentig behaupten, und es sich wirklich um Fakten handeln sollte: Es sind Fakten aus einer Realität, die nicht mehr existiert. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, sondern sie nur versuchen bestmöglich in unser heutiges Leben zu integrieren. Die Chance liegt darin, Unterschiede zwischen damals und heute zu erkennen. Sie können darin bestehen, den Rahmen zu überprüfen und zu vergleichen. Ist der wirklich genau gleich? Sind nicht vielleicht andere Akteure beteiligt? Und was ist mit mir selbst, habe ich mich selbst in der Zeit nicht auch verändert und andere Erfahrungen gemacht? Welche Werkzeuge stehen mir heute zur Verfügung, um die Situation anders zu bewältigen? In diesen Ressourcen liegt die Kraft für eine Neubewertung der Gegenwart, ein persönliches Update.

Das war nun ein kleines Plädoyer dafür, Vergangenheitskonstruktionen zu überprüfen. Nicht immer und dauernd, das würde vermutlich zu viele Kapazitäten erfordern und eher unsicherer machen. Es ist notwendig, einen Großteil unserer Gedanken und Entscheidungen automatisch laufen zu lassen und uns selbst zu vertrauen. Eine Überprüfung alter Bewertungs- und Handlungsmuster ist dann bedeutsam, wenn etwas anders werden soll. Wir können diese Geschichten unser Leben lang weiter aktualisieren und es uns in ihnen bequem einrichten. Jedoch gibt es auch die Wahl, einen aktiven Prozess anzustoßen.

Anfangsmut nutzen

Er erfordert etwas Anfangsmut, ggf. reicht auch Leidensdruck, weil wir unbekanntes Terrain betreten. Jedem bleibt es jedoch im Rahmen seiner Selbststeuerungsmöglichkeiten überlassen, ob er oder sie sich mit großen Schritten oder eher zaghaft und zögernd auf dieses neue Gebiet einlässt. Hilfreich bei Veränderungsängsten sind dann u.a. innere Bilder vom potentiellen Ergebnis der Bemühungen und was dann anders sein könnte.

Der beschriebene Entwicklungsprozess ist einer von unterschiedlichen Wegen im Persönlichkeits-Coaching. Wichtiger als Methoden ist mir der Mensch, dem ich begegne, denn das methodische Vorgehen sollte zu dem Klienten passen, nicht umgekehrt.

Aus naheliegendem Grund habe ich mich als Coach auch psychotherapeutisch fortgebildet. Denn es ist notwendig erkennen zu können, wann ein Klient oder eine Klientin zu solch einer Aufgabe in der Lage ist und wann andere Lösungen Vorrang haben. Das ist wertvoll für Klienten, die sich an diesem Punkt unsicher sind oder bereits wissen, dass Sie zunächst erst einmal wieder Kraft, Motivation und Antrieb (oder etwas anderes) brauchen, um überhaupt ein stimmiges Entwicklungsziel bestimmen zu können. Gleichzeitig ein Hinweis darauf, beizeiten aktiv zu werden, bevor die Power komplett in nicht funktionierenden Wiederholungen verpufft. Auch plötzliche „Life Events“ können jeden treffen und uns vor größere Themen stellen, die ggf. weitergehende Hilfe bedingt.

Wie groß oder wie klein Ihr Anfangsmut ist: Nehmen Sie ihn, wenn nötig behandeln Sie ihn wie einen gut zu hütenden Schatz. Sie können ihn behalten und gut verwahren. Oder ihn wohlwollend einsetzen und Ihr Bestens dafür tun, dass er seinen „eigentlichen“ Zweck erfüllt.

PS: Beim Schreiben fiel mir die Geschichte von Hans im Glück ein. Die Interpretationsmöglichkeiten sind vielfältig. Diese hier gefällt mir im Zusammenhang wirklich gut.

 

Regina Lautenschläger

Regina Lautenschläger

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